Ulrich
van Aaken

Gutachten/Taxate

Retzbach, 20.05.2002

Gutachten Klavier

Instrumentengutachten

[…]
Bei den ausgeführten Überholungsarbeiten handelt es sich um ganz normale Arbeiten, die immer dann anfallen, wenn ein Instrument stärkerer Beanspruchung ausgesetzt war. In den wesentlichen, die Stimmhaltung betreffenden Teilen, also bei der Panzerplatte und beim Stimmstock, sind keine Mängel feststellbar. Der Wirbelgang ist ausreichend fest, das Instrument läßt sich angenehm stimmen.

Im Resonanzboden, parallel zum Langsteg, sind zwei feine Schwundfugen (Resonanzbodenriß ist eine alternative Bezeichnung) zu beobachten. Zu diesem Thema möchte ich meine schon vorgetragenen Anmerkungen erläutern:

Schwundfugen sind in vielen Instrumenten anzutreffen. Aus meiner Tätigkeit bei der Firma Steinway & Sons kenne ich eine Vielzahl von hochwertigen älteren Instrumenten, die fast alle Resonanzbodenrisse aufwiesen. Diese Risse haben in den allerwenigsten Fällen klangliche Auswirkungen. Bei dem begutachteten Klavier sind aber die Rippen fest mit dem Resonanzboden verleimt und auch die Resonanzbodenwölbung, die in viel höherem Maße die Klanqualität beeinflußt, ist in ausreichendem Maße vorhanden.

Wenn diese zwei Bedingungen, Zustand der Rippen und Wölbung des Bodens, erfüllt sind, relativieren sich die Schwundfugen zu einem lediglich optischen Mangel, der durch ein Ausspänen (die Fugen werden erweitert und mit einem Holzspan ausgefüllt; dazu muß die gesamte Besaitung und die Panzerplatte entfernt werden) fast vollständig kompensiert werden kann. Aber auch in unrepariertem Zustand kann man solche Risse nicht hören, sie beeinflussen also weder den Klang noch die Statik.

Die Resonanzbodenreparatur (nach dem Ausspänen muß die Platte wieder verschraubt werden, hinzu kommt die vollständige Neubesaitung unter Verwendung neuer Wirbel) zieht allerdings erhebliche Mehrkosten nach sich.

Schwundfugen entstehen, wenn die Instrumente zu großer Trockenheit ausgesetzt sind, weil man berücksichtigen muß, daß die älteren Klaviere und Flügel zu einer Zeit gebaut wurden, in der es noch keine Zentralheizung gab. Erläuternd hierzu sei die Fa. Steinway & Sons zitiert, die im Internet (www.steinway.com) den Direktor der School of Pianoforte Technology, Dr. William Braid White, zu diesem Thema folgendermaßen zu Wort kommen läßt:

[…]
Es herrscht die Meinung vor, dass ein Riss im Holz eine Beeinträchtigung des Klanges nach sich ziehen muss. In Wirklichkeit braucht man sich um einen solchen Effekt nicht zu kümmern. Die irrige Vorstellung, dass ein Riss den Klang schmälert, gleicht der ebenfalls falschen Theorie, dass die Klangwellen auf irgendeine Weise quer über den Resonanzboden laufen.

Wenn die Struktur des Resonanzbodens solide bleibt, mit korrekt und sicher angebrachten Stegen, und wenn der Boden präzise in das Gehäuse des Klaviers oder Flügels eingefügt ist, kann man die Bedeutung von Rissen vernachlässigen.

Tatsache ist, dass sich der Klang eines Klaviers wesentlich stärker bei Schwankungen in Temperatur und Luftfeuchtigkeit verändert. Die Verdunstung von Feuchtigkeit beeinflusst den Resonanzboden zu einem höheren Grad als jeder Riss. Leider kümmern sich immer noch sehr wenig Leute darum, viele wissen es nicht einmal.

Das begutachtete Klavier ist ein exzellentes Instrument. Machtvoll in den Bässen (ein echtes Konzertklavier eben), eine angenehm runde, klar konturierte Mittellage und ein Diskant, der hell und nicht aufdringlich klingt mit ausgeglichener Balance zwischen den einzelnen Registern. Es war bei meinem Besuch mit einem Preis von … angegeben. Das ist angemessen und bewegt sich im branchenüblichen Rahmen. Die Spielart ist gleichmäßig und sehr angenehm. Hier macht sich die etwas größere Gehäusetiefe der großen Konzertklaviere bemerkbar. Die Tiefe gestattet längere Tasten; das wiederum beeinflußt die Hebelverhältnisse, so daß die daraus resultierende Spielart mit der eines Salonflügels vergleichbar ist.

Offensichtlich ist das Klavier nur sehr wenig gespielt worden. Die Hammerköpfe zeigen kaum Einkerbungen von den Saiten, die beiden Garnierungen in der Tastatur (Waagebalken und Vorderstift) sind nicht ausgespielt, die Gegenfängerleder zeigen kaum Gebrauchsspuren. Es erscheint sinnvoll, bei einem Stimmtermin vor Ort die Intonation den Gegebenheiten des Standortes anzupassen.

Das Pianino ist fachmännisch überarbeitet und bezüglich der akustischen Anlage in einem guten Zustand. Die überholte Mechanik ist sorgfältig einreguliert und gestattet eine differenzierte Spielweise. Schwerwiegende Mängel, wie etwa Risse in der Graugußplatte (Panzerplatte) oder im Stimmstock, die sich entweder garnicht oder nur mit hohem Aufwand beseitigen lassen, waren nicht feststellbar. Die Beschaffenheit des Stimmstocks gewährleistet einen festen Wirbelsitz und damit gute Stimmhaltung.

Die Hammerköpfe wurden abgezogen und auf Chor gefeilt. Die Dämpfung arbeitet einwandfrei, Halbgang und Abheben sind gleichmäßig eingerichtet. Gerade im kritischen Übergangsbereich von der Mittellage zum Baß hin, ist die Funktion der Dämpfung ausgezeichnet. Dank seines kontrollierten Wirbelgangs läßt sich das Klavier sehr angenehm stimmen.

Der Neupreis für dieses Klavier liegt bei etwa … DM. Unter Berücksichtigung des Stellenwertes der Instrumentenmarke und des klanglichen und spieltechnischen Eindrucks ist ein Verkaufspreis von bis zu … DM gerechtfertigt und entspricht dem üblichen Preisniveau.



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