Ulrich
van Aaken

Steinway & Sons

Dr. William Braid White

Der Resonanzboden

Aus einem Artikel von Dr. William Braid White, Direktor der School of Pianoforte Technology, Illinois. Mit freundlicher Genehmigung des Piano Trade Magazine, Chicago. Übersetzung aus dem Englischen.

Die Funktion des Resonanzbodens im Klavier besteht darin, die Vibration der Saiten aufzunehmen und mitzuschwingen. Somit können wesentlich größere und stärkere Schallwellen erzeugt werden als mit den Saiten alleine. Je zuverlässiger der Resonanzboden diese Aufgabe erfüllt, desto höhere Qualität weist er auf.

Der Laie wird diese verstärkende Funktion besser verstehen, wenn er bedenkt, wie riesig die Oberfläche des Resonanzbodens ist, wenn man sie mit der aller Saiten zusammen vergleicht. Und darum kann der Resonanzboden, wenn das Klavier gespielt wird, mehr Luft in Vibration versetzen als die Saiten alleine.

Die mehr als 200 Saiten, die im Klavier die Töne erzeugen, sind über mehrere Stege, die sehr fest an der Oberfläche des Resonanzbodens angebracht sind, stark gespannt. Daher wird jede Bewegung der Saiten innerhalb Bruchteilen von Sekunden durch die Stege zum Resonanzboden geleitet, welcher sie sofort aufnimmt und über seine ganze Oberfläche ausbreitet. Diese winzigen, aber intensiven Schwingungen, die von den Saiten ausgehen, werden auf die Luft übertragen, die den Resonanzboden auf der Vorder- und Hinterseite umgibt. Dabei werden starke Schallwellen erzeugt, die man durch seine Trommelfell aufnimmt und schließlich hören kann.

Der Resonanzboden erfüllt diese schwierige Aufgabe so zuverlässig, dass die unglaublich komplexen Schwingungen immer hundertprozentig aufgenommen und reproduziert werden, egal, wie viele Saiten auf einmal erklingen. Somit ist der Resonanzboden vergleichbar mit dem Fell einer Trommel oder dem Diaphragma im Telefon. Man darf nicht vergessen, dass es die Saiten sind, die nach dem Anschlag durch ihre Vibration den Klang erzeugen und nicht der Resonanzboden, der den Klang nur verstärkt.

Die Konstruktion des Resonanzboden

Um diese bemerkenswerten Verstärkungseffekte zu erreichen, muss der Resonanzboden des Klaviers sehr sorgfältig konstruiert werden. Seine Länge und Breite hängt natürlich von der Größe des Instrument ab, während seine Dicke, mit leichten Variationen von vorn nach hinten, etwa 6 mm beträgt. Die Nadelholz-Streifen, aus denen er besteht, sind so verarbeitet, das die Holzfasern genau parallel zu den Stegen verlaufen, auf denen die Saiten ruhen.

Was viele nicht wissen

Es klingt seltsam, aber es ist wahr, dass immer noch kaum jemand über den Effekt, den die Saiten auf den Resonanzboden haben, Bescheid weiß. Es herrscht der Glaube vor, dass ein Riss im Holz eine Beeinträchtigung des Klanges nach sich ziehen muss. In Wirklichkeit braucht man sich um einen solchen Effekt nicht zu kümmern.
Die irrige Vorstellung, dass ein Riss den Klang schmälert, gleicht der ebenfalls falschen Theorie, dass die Klangwellen auf irgendeine Weise quer über den Resonanzboden laufen. Wie jedoch oben erläutert, ist die Bewegung des Resonanzboden dieselbe wie die der Saiten, nämlich ab- und aufwärts bei einem Flügel, vor- und rückwärts bei einem Klavier. Die zusammengeleimten dünnen Streifen Nadelholz, aus denen der Resonanzboden besteht, verstärkt durch die Stege, bilden eine Einheit, und der ganze Boden schwingt auch beim Anschlag von nur einer einzigen Saite vollständig mit.

Auswirkungen von Rissen und Spalten

Daher reduziert ein Riss den Klang lediglich im Verhältnis der Größe des Risses zur Größe des Resonanzboden.

Stellen wir uns einen Resonanzboden mit einer Oberfläche von 260.000 cm², Ober- und Unterseite mitgerechnet, vor. Nun denken wir uns einen 90 cm langen und 3 mm tiefen Riss, welcher wirklich gigantisch wäre. Er hätte eine Oberfläche von 54 cm² und würde die Schwingungen um nur 0,02% vermindern, was man vernachlässigen kann.
Hier haben wir die Auswirkungen eines riesigen Spaltes berechnet. Ein Dutzend normalgroßer Risse, selbst wenn sie von einem Ende des Resonanzboden zum anderen reichen, könnten eventuell einen solchen Effekt haben, auf keinen Fall einen höheren. Wenn also die Struktur des Resonanzbodens solide bleibt, mit korrekt und sicher angebrachten Stegen, und wenn der Boden präzise in das Gehäuse des Klaviers oder Flügels eingefügt ist, kann man die Bedeutung von Rissen vernachlässigen.

Atmosphärische Schwankungen haben einen größeren Effekt

Tatsache ist, dass sich der Klang eines Klaviers ohne Risse im Resonanzboden wesentlich stärker bei Schwankungen in Temperatur und Luftfeuchtigkeit verändert. Die Verdunstung von Feuchtigkeit beeinflusst den Resonanzboden zu einem höheren Grad als jeder Riss. Leider kümmern sich immer noch sehr wenig Leute darum, viele wissen es nicht einmal.
Ich habe dieses Thema angesprochen, weil die Allgemeinheit und auch einige Experten über das Thema nicht ausreichend informiert sind. Die Absicht dieses Artikels ist es, Schwierigkeiten und Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.

P. S.
Mason & Hamlin mit der für dieses Fabrikat charakteristischen Konstruktion des »Tensiion Resonator«, einer stählernen Spannkonstruktion, die die Zarge und das Rastengerippe zusätzlich versteift und für eine stabile Resonanzbodenwölbung und größere Klangausbeute sorgen soll.



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