Ulrich
van Aaken

Steinway & Sons

Juli 2001

Konzertfl├╝gel D-274, Instrumentengutachten

Das begutachtete Instrument ist ein großer Konzertflügel (dem nächstkleineren C–Modell folgen die sog. Orchesterflügel B–211 und A–188) und wurde im Jahre 1961 gebaut. Die große Länge des Flügels bedingt nicht nur einen klanglich vorteilhaften Bassbereich, sondern erlaubt auch die Verwendung einer Mechanik, die aufgrund ihrer Hebelverhältnisse das Spielgefühl günstig beeinflussen und eine differenzierte Spielweise mit guter Gestaltungsmöglichkeit des Anschlags zulässt.

Es erübrigt sich, auf die weltweit unangefochtene Spitzenstellung des Flügelfabrikats Steinway & Sons, vor allem bei den Konzert- und Orchestermodellen, näher einzugehen. Diesen Instrumenten wird im Konzertbetrieb gewöhnlich eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt verbunden mit einer besonders großzügigen Stimmpflege und sorgfältigen Revisionsarbeiten. Das Ergebnis dieser aufwendigen Betreuung spiegelt sich in dem guten Zustand des begutachteten Instruments wider. Es wurde nur zu Konzertzwecken bzw. bei Tonträgeraufnahmen eingesetzt.

Die im Gegensatz zum Plastikbelag moderner Instrumente noch mit echtem Elfenbein der höchsten Güteklasse versehene Klaviatur ist etwas leichter im Anschlag und deshalb angenehm zu spielen, verlangt aber auch vom Pianisten ein kontrolliertes, feinfühliges Spiel, von der ausdrucksbedingten Differenzierung einmal abgesehen. Die sorgfältig regulierte Mechanik (die Vorderstiftgarnierung ist erneuert) ermöglicht eine wirkungsvolle Repetition und verträgt eine große Variabilität an Anschlagsnuancen. Das messbare Spielgewicht ist gleichmäßig, das subjektiv empfundene Spielgefühl ist, bedingt durch die große Länge der Tastenhebel, angenehm und direkt.

Bezüglich des Alters ist das exakte Baujahr von nicht so entscheidender Bedeutung für den Wert, weil bei gebrauchten Tasteninstrumenten dieser Güteklasse vielmehr in Zeitspannen von 10 oder 20 Jahren (oder noch höher) gerechnet wird. Die Firma Steinway & Sons selbst spricht bei Konzertflügeln selten von gebrauchten, sondern vielmehr von »eingespielten« Instrumenten. In der klassischen Musikszene, übrigens auch bei namhaften CD-Produktionen, setzt man immer häufiger ältere Instrumente der Firma Steinway & Sons ein, weil sie sich durch eine »warme Grundtönigkeit« und ein besonderes Timbre auszeichnen, die sie vielleicht nicht für ein großes spätromantisches Klavierkonzert, wohl aber für die Sololiteratur qualifizieren und im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten oder der menschlichen Stimme besonders harmonieren. Auch das begutachtete Instrument ist für das Spiel mit kleineren Ensembles und in der Kammermusik geeignet; es fehlt ihm aber der durchsetzungsfähige Ton, um sich neben einem großen Orchesterapparat behaupten zu können.

In den wesentlichen Komponenten (Akustische Anlage, Beschaffenheit von Stimmstock und Gussplatte) ist der Flügel gesund und ohne irgendwelche Mängel. Der Wirbelsitz ist ausgezeichnet, der Resonanzboden ohne Beschädigung. Es sind keinerlei Schwundfugen sichtbar, die Rippen auf der Unterseite des Bodens sind fest und gewährleisten (neben anderen Bedingungen) eine Stabilität und Spannung des Bodens, die in hohem Maße für die Klangcharakteristik verantwortlich ist.

Die sichtbaren Gebrauchsspuren sind nicht so auffällig, dass sie einen Einsatz im Konzert oder Musikschulbetrieb verhindern würden. Ein Aufpolieren der Oberfläche und das Schwärzen von kleinen Lackschäden ist eher anzuraten als die komplette Überholung oder Erneuerung mit Polyester. Diese sehr kostenintensive Arbeit ist nur eine »kosmetische« Angelegenheit und hat keinerlei Einfluss auf den Klang. Der Zeitpunkt der Erneuerung von Hammerköpfen, Besaitung oder anderen Mechanikteilen wird durch die Intensität des Gebrauchs bestimmt.

Wenn man ein klangliches Portrait versucht, so fallen neben der Ausgewogenheit die Charakteristika der verschiedenen Tonbereiche auf: von einem klar konturierten Baß mit einer imposanten Klangfülle über eine Tenorlage mit ausgezeichneter Vokalqualität bis hin zu einem temperamentvollen Diskant ohne perkussive Überzeichnung. Im übrigen ist der Einsatz des Instruments in einem renommierten Festival ein deutlicher Hinweis auf die Qualität, die sehr hohen pianistischen Ansprüchen gerecht wird.

Bei der Wertermittlung setzen Konzertflügel im Allgemeinen und die Instrumente der Fa. Steinway & Sons im Besonderen eigene Maßstäbe, da sie nur selten auf dem Gebrauchtinstrumentenmarkt angeboten werden. Wegen des nicht so häufigen Einsatzes werden sie weniger strapaziert und die Musiker bringen den wertvollen Konzertinstrumenten vielleicht doch mehr Wertschätzung entgegen. Deshalb muss man die vielfach von Klavierfachleuten eingesetzte »Bewertungstabelle für gebrauchte Instrumente zum Zweck der Ermittlung des Zeitwertes« (erstellt vom europäischen Fachverband der Klavierbauer »EuroPiano«, in diesem Jahr vom Schweizer Fachverband aktualisiert) um eine Qualitätsstufe erweitern. In dieser Tabelle (s. u.) werden die Instrumente in Güteklassen eingeteilt und aufgrund des Alters Prozentpunkte vergeben, die eine Minderung der Gebrauchtinstrumente gegenüber der aktuellen Produktion ausdrücken.

Bei Streichinstrumenten ist es seit vielen Jahren üblich, den Wert nicht nur über Listen (z. B. sog. »Fuchs-Taxe«), sondern auch durch Marktbeobachtung und über die Einbeziehung tatsächlich erzielter Verkaufserlöse zu ermitteln. In meinem Gutachten verfahre ich ähnlich: Gestützt durch die Praxis der Inzahlungnahme, berücksichtige ich bei der Prozent-Skala die in Fachzeitschriften annoncierten finanziellen Bedingungen, die konkret bezahlten Preise beim Privatverkauf, Erfahrungen von Gutachterkollegen und andere Aussagen zur Wertermittlung.

Ein neuer Konzertflügel der Fa. Steinway & Sons kostet DM 178.000. Dieses Instrument ist allerdings nicht mit einer Elfenbeinklaviatur ausgestattet. Die Mehrkosten für die Umrüstung auf dieses Material belaufen sich auf etwa 4.700 DM. Nach Abzug der Kosten für Transport, Durchsicht und Expertise ergibt sich für 38 Prozent (Alter: 36—40 Jahre; s. Tabelle) ein Wert von ca. 68 TDM. Dieser branchenübliche und dem begutachteten Instrument angemessene Preis gilt nur für den Privatverkauf, da der sog. Händler-Eintauschpreis noch die Steuer und die kalkulierte Wiederverkaufsmarge zu berücksichtigen hat.

In der Hoffnung, Ihnen mit diesen Angaben gedient zu haben, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

Ulrich van Aaken


Jahr Stufe 1 Stufe 2 Stufe 3 Stufe 4 Stufe 5 Kzt-Flg
1 60 65 70 75 78 83
2 55 60 65 72 75 81
3 50 55 60 68 72 79
4 45 50 55 66 68 77
5 40 45 50 63 65 75
6 35 40 45 60 63 72
7 30 35 40 55 61 70
8 25 30 35 50 59 67
9 15 25 30 45 57 64
10–15 5 20 25 40 55 61
16–20   10 20 35 50 58
21–25     10 30 45 54
26–30     5 25 40 50
31–35       20 35 45
36–40       15 30 40
50       10 25 35
60       5 20 30
70         15 25


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